„New York Review of Books“: Die Geburt der Kritik aus dem Druckerstreik

Wie kam es zur Gründung der „Review“?

Die Idee entstand während des Druckerstreiks in New York, bei einem Abendessen von Robert Lowell und Elizabeth Hardwick mit Jason und Barbara Epstein. 1959 hatte ich in „Harper’s Magazine“ einen Essay von Elizabeth Hardwick publiziert: „Der Niedergang der Buchrezension“. Ihre These: Die Rezensionsorgane legten den Schwerpunkt auf gefällige kleine Artikel und ließen nur milde Einwände zu - ihnen fehlte der kritische Ton. Das bezog sich auf die Rezensionsbeilage der „New York Times“.

Vier Jahre später, als die Zeitungen wochenlang nicht erscheinen konnten, war es Jason Epstein, der den Gedanken hatte, dass dies die erste Gelegenheit in der Geschichte war, eine kritische Zeitschrift zu gründen, ohne dass man Geld hatte. Die Verleger waren verzweifelt. Sie brachten ein Buch nach dem anderen heraus, aber es gab keine Rezensionen. Es war zu erwarten, dass sie sich verpflichtet fühlen würden, im neuen Organ zu inserieren. Jason Epstein rief mich an und fragte mich, ob ich meine Stelle bei „Harper’s“ aufgeben würde, um beim Start der neuen Zeitschrift zu helfen. Ich erzählte davon meinem Chefredakteur, und er sagte: „Wunderbar! In einem Monat sind Sie wieder hier, aber es wird eine großartige Erfahrung gewesen sein.“ Ich habe Barbara Epstein sofort gebeten, meine Ko-Chefredakteurin zu werden. Wir schickten Bücher an Leute, die wir kannten oder denen wir vertrauten. Innerhalb von drei Wochen hatte fast jeder, den wir gefragt hatten, eine Rezension geschrieben - ohne Honorar. Die erste Ausgabe war sehr schnell ausverkauft.

Dann brachten wir eine zweite Ausgabe heraus, um zu zeigen, dass dieser Erfolg sich wiederholen ließ. In den folgenden Monaten suchten wir nach Geldquellen, um im Herbst ernsthaft zu beginnen. Wieder war es Jason Epstein, der die entscheidende Idee hatte. Es wurden zwei Arten von Anteilen ausgegeben, B-Anteile für die Geldgeber, denen der Gewinn zufließen sollte, wenn es einen Gewinn gab, und A-Anteile für unsere kleine Gruppe. Wir hatten die redaktionelle Verfügungsmacht und ernannten den Chefredakteur. Es gab keinen Verleger, der Geld bereitstellte. Daher konnte uns niemand sagen, was wir zu tun hatten, welche Partei wir unterstützen und welchen Krieg wir bekämpfen sollten. Wir waren vollkommen frei - solange wir den Drucker bezahlen konnten.

Heute haben Sie einen Verleger.

1984 machte Rea Hederman uns ein Kaufangebot und sicherte uns vollkommene redaktionelle Freiheit zu. Wir sagten zu ihm: Na ja, Sie müssten ja nur die Schlösser auswechseln. Und er antwortete: Warum sollte ich die „Review“ verändern wollen? Ich mag sie, so wie sie ist, und gebe Ihnen jede Garantie, die Sie wollen. Einige Monate vergingen, und wir kamen zu dem Schluss, dass er es wirklich ehrlich meinte. Er hat sein Versprechen gehalten und noch nie eingegriffen.

Von Anfang an haben Sie auch politische Artikel abgedruckt.

Wir begannen ohne Bindung an eine politische Partei oder bestimmte politische Ansichten. Allgemein gesprochen, standen wir Regierungen skeptisch gegenüber, insbesondere ihren Verlautbarungen, der Regierungspropaganda. Wir protestierten gegen die Behandlung von Dichtern unter dem Schah, wir publizierten ein Interview mit Solschenizyn und viele Artikel über Andrej Sacharow. Wir haben V. S. Naipaul nach Argentinien geschickt mit dem Auftrag, die ganze Frage der politischen Gewalt zu untersuchen. Das Ergebnis war sein Buch „The Return of Eva Perón“. Wir haben Joan Didion zur Zeit der rechten Terrorherrschaft nach El Salvador geschickt, und sie hat darüber ein schönes Buch geschrieben, das wir als dreiteilige Serie abdruckten. Dieses Interesse an den Menschenrechten und insbesondere an der Behandlung von Schriftstellern schien uns selbstverständlich. Wir waren hier in New York, genossen die Freiheit, zu tun, was wir wollten; diese Leute wurden schikaniert, verhaftet, gefoltert. Wir hatten die offenkundige Pflicht, darüber zu berichten.


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Nun, die Vorstellung eines Spektrums von rechts bis links, auf dem man sich in die eine oder in die andere Richtung bewegt, entspricht unserer Denkweise nicht. Ein außenstehender Beobachter mag eine solche Bewegung wahrnehmen. Wir hatten es mit der Nixon-Regierung zu tun. Wir brachten Artikel über Nixons Geheimniskrämerei, über die geheimen Listen von Feinden des Präsidenten, und später alle möglichen kritischen Artikel über die Wirtschaftspolitik der Reagan-Regierung. Ein Physiker am MIT wies nach, dass Reagans geplantes System der Raketenabwehr nicht funktionieren konnte. Vom Weltraum aus wollte die Regierung damals die ganze Welt kontrollieren.

In welchem Sinne ist die „New York Review of Books“ ein Produkt aus New York?

Barbara Epstein und ich waren befreundet mit Philip Rahv, dem Chefredakteur der „Partisan Review“. Er war ein unerhört subtiler Autor, der über Henry James oder Alexander Herzen schrieb, ein Exilrusse, der zum Trotzkisten geworden war, ein Antistalinist. Der Antistalinismus war ein wichtiges Zeichensystem - auch für die „New York Review“. Zu den Autoren der „Partisan Review“ gehörten Lionel Trilling, Edmund Wilson, Mary McCarthy und Elizabeth Hardwick. Dann brachten wir Artikel von Irving Howe, Michael Walzer und anderen aus dem Kreis von „Dissent“, einer Zeitschrift des demokratischen Sozialismus. Von „Harper’s“ brachte ich Autoren wie Alfred Kazin und Robert Brustein mit. Das war eine New Yorker Mischung, obwohl beispielsweise Mary McCarthy in Paris lebte. Wir hatten auch Mitarbeiter an der Westküste wie Joseph Kerman, den großen Musikkritiker. Auch in England fanden wir Autoren, zum Beispiel V. S. Pritchett, den wir lange vor der Gründung der „New York Review“ bewundert hatten. Barbara Epstein und ich kultivierten keine nationalistischen Gefühle.

Wurde die „Review“ außerhalb von New York als typisch für New York angesehen?

Nach unserer Vorstellung sind wir an keinem Ort angesiedelt. New York ist praktisch für uns. Alle Verlage sind hier, also sind alle Bücher hier. Manchmal bringen wir Artikel zur New Yorker Politik, etwa von Michael Greenberg über die Polizei. Wir können ja nicht ignorieren, was um uns herum geschieht. Eine unserer wichtigsten Autorinnen ist Janet Malcolm, eine großartige Beobachterin, ob sie über Turgenjew schreibt oder über die Tragödie eines hiesigen Gerichtsverfahrens. In der Zeit der „Partisan Review“ gab es in New York ein viel stärkeres intellektuelles Gemeinschaftsleben, mit Stammcafés und Partys. Heute ist das intellektuelle Leben in vielerlei Hinsicht mit den Universitäten verknüpft. Ein großer Teil der Anzeigen in der „New York Review“ wird von den Universitätsverlagen beigesteuert. Knapp die Hälfte unserer Leser ist an Universitäten beschäftigt.

Wie finden Sie Ihre Rezensenten?

Wir lesen andere Zeitschriften, stoßen auf einen Artikel und sagen: Aha! Den sollten wir fragen. Oder die. Und außerdem haben wir Freunde, die uns Ratschläge geben: Da ist ein junger Autor, dem ihr eine Chance geben müsst. Es gibt einen unsichtbaren Rat der Freunde, auf den wir uns verlassen. Auch berühmte Gelehrte und Schriftsteller werden uns

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empfohlen. Aber wir haben die Regel, dass wir niemanden um einen Beitrag bitten, von dem wir nicht alles gelesen haben, was wir finden können - insbesondere die Buchbesprechungen. Es ist unfair, Leute nur deshalb zu beauftragen, weil sie berühmt sind. Häufig besitzen die Leute von außerordentlichem Ruf alle möglichen wunderbaren Eigenschaften - außer der Fähigkeit, gute Rezensionen zu schreiben. Wir verbringen einen großen Teil unserer Zeit mit der Lektüre der Schriften möglicher Rezensenten.


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Nach dem 11. September 2001 gab es keinen Bruch in dieser regierungskritischen Haltung der „Review“, obwohl das Blatt in New York erscheint.

Der erste Artikel, den wir dazu publizierten, sagte, dass wir dieses schreckliche Ereignis und seine Konsequenzen als Problem für die Polizei behandeln sollten, nicht als kriegerischen Akt im Sinne des Völkerrechts. Ich muss Ihnen sagen, dass dieser Artikel ohne jegliche Wirkung blieb. Aber der Autor hatte sehr gut argumentiert.

Einige andere intellektuelle Zeitschriften haben die Kriegspolitik der Bush-Regierung unterstützt. Welche Erklärung haben Sie dafür, dass die „Review“ sich ihre Skepsis bewahrte?

Das war nicht schwierig. Die Bush-Regierung wiederholte ständig die Behauptung, dass es Massenvernichtungswaffen in der Hand Saddam Husseins gebe. Wir fragten die Atomexperten, die wir kannten, und Beamte der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, ob das stimmen könne. Ihre Auskünfte haben wir dokumentiert, weil die „New York Times“ und andere Zeitungen behaupteten, sie hätten Belege für Massenvernichtungswaffen im Irak. Warum waren wir gegen den Irak-Krieg? Weil wir alle diese Informationen hatten. Der Kriegsgrund war haltlos.

Warum haben sich so viele Intellektuelle liberaler Couleur hinter Bush eingereiht, obwohl sie lesen konnten, was Sie veröffentlichten?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Viele von ihnen waren Neokonservative, frühere Liberale, für die die Bedrohung durch das, was sie den Islamofaschismus nannten, zur Obsession geworden war. Im Hintergrund spielte dabei natürlich für viele Leute hier das Gefühl hinein, dass der Irak Israel bedrohe. Ende der neunziger Jahre trat eine Denkfabrik namens „Project for the New American Century“ mit der These hervor, die Sicherheit Israels mache einen Regimewechsel im Irak nötig. Dieser Hintergedanke des Kriegsplans wurde selten offen ausgesprochen, ist im Manifest der New-Century-Leute aber klar formuliert.

Wie wichtig war die Erinnerung an den Vietnam-Krieg und die damalige Haltung der „Review“ für die Linie in der Irak-Angelegenheit?

Wir begannen mit der „Review“ im Jahr 1963. Kennedy starb, Johnson folgte ihm nach, und dann kam es zu einer Eskalation, einem Anstieg von 15.000 „Beratern“ in Vietnam zum Zeitpunkt von Kennedys Tod auf mehr als 55.0000 Soldaten. Die offizielle Rechtfertigung des Krieges, dass wir eine Demokratie beschützten, rief Zweifel hervor. Die Methoden der Regierung von Südvietnam waren autoritär, und zudem stellte sich die Frage, was die Leute im Land eigentlich wollten. Uns war deutlich bewusst, dass viele Behauptungen der Kriegsbefürworter nicht zutrafen, denn wir hatten Reporter im Kriegsgebiet, darunter Jonathan Mirsky. Wir brachten auch eine Reihe von Artikeln von Jean Lacouture, einem Korrespondenten von „Le Monde“, der in Vietnam gewesen war. Er beschönigte den nordvietnamesischen Kommunismus nicht. Aber er hielt das amerikanische Unternehmen nicht für legitim. Außerdem brachten wir Kommentare von Autoren wie Hans Morgenthau, George Kennan und Hannah Arendt - sie alle lehnten den Krieg ab, aus unterschiedlichen Gründen. So stand uns die Lektion des VietnamKriegs zwangsläufig vor Augen, als die Prüfung der Behauptungen der Befürworter des Irak-Kriegs anstand.

Stimmt es, dass die „Review“ sich während der siebziger Jahre in Richtung der politischen Mitte bewegte?


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Die Möglichkeiten, in Zeitschriften veröffentlicht zu werden, schrumpfen. Wird damit Ihre Autorensuche schwieriger?

Offen gesagt können wir auf eine enorme Zahl von Autoren zurückgreifen. Unlängst überschlug jemand die Zahl der von mir redigierten Artikel und kam auf 15 000. Viele dieser Autoren sind alte Freunde.

Sie geben einigen Autoren die Möglichkeit, Themen langfristig zu verfolgen und bei neuen Anlässen auf alte Gedanken zurückzukommen - beispielsweise Ronald Dworkin, dem im Februar verstorbenen Rechtsphilosophen, in seinen Kommentaren zur Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs.

Diese Kommentare gehörten von Anfang zu unseren wichtigsten Beiträgen. Dworkins erster Artikel trug die Überschrift „Grundrechte ernstgenommen“. Er untersuchte, ob junge Männer, die eingezogen werden sollten, das Recht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen hatten. Er legte die Argumente dafür dar und erntete viel Kritik in der juristischen Welt. Sein Hauptargument war die fundamentale Bedeutung der Grundrechte und der Anerkennung jeder einzelnen Person. Er schrieb für uns mehr als 45 Artikel. Zu seinen Gegenständen gehörten der Minderheitenschutz durch positive Diskriminierung, die gleichgeschlechtliche Ehe, Folter und der Anspruch der Regierung, sie dürfe im Krieg elementare Bestimmungen des Kriegsvölkerrechts missachten. Bei allen diesen sehr unterschiedlichen Themen gelang es ihm, eine philosophische Verteidigung des Rechts und eine philosophische Kritik der Lehren des Gerichts zu entwickeln. Seine Idee, das Recht auf den Respekt zu gründen, der jeder Person in gleichem Maße geschuldet wird, hat viele Juristen und Philosophen überzeugt. Und sie hat Widerhall in Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs gefunden, in Urteilsbegründungen bestimmter Richter.

In einer deutschen Zeitung würde man, wenn man einen Mitarbeiter wie Dworkin hätte, einen anderen Autor suchen, der den Gegenstandpunkt verträte. Auf Jürgen Habermas, sagen wir, sollte ein konservativer Philosoph antworten, dann hätte man eine Debatte. Das ist nicht Ihr Ideal?

Barbara Epstein und ich waren uns von Anfang an darin einig, dass die Zeitschrift kein Forum sein soll, kein Ort, an dem nur deshalb, weil dort ein starker Standpunkt vertreten worden ist, auch die Gegenposition zu Wort kommen muss. Wir wollten Texte publizieren, die uns interessierten und von denen wir glaubten, sie würden intellektuell bestehen können. Für Gegenargumente gibt es die Leserbriefseiten. Dort erhält der Autor des ursprünglichen Artikels das Recht zur Replik. Manchmal gibt es einen ausführlichen Wechsel von Rede und Gegenrede.

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Welche Bedeutung hatten David Levines Karikaturen für die Wiedererkennbarkeit der „Review“?

Levine war ein Genie. Wir schickten ihm am Ende der Woche „scrap“, gesammelte Zeitungsausschnitte, eine Liste von vier oder fünf Charakteren und immer auch die Artikel, die illustriert werden sollten. Er bestand darauf, die Artikel zu lesen, las sie sehr genau und stellte manchmal Fragen dazu. Am Montagmorgen machte er sich an die Arbeit, und spätestens am Dienstagmorgen hatte er alle Karikaturen vollendet, die für die jeweilige Ausgabe benötigt wurden - vielleicht drei oder vier. Er hatte seine eigene Unabhängigkeit. Wir sagten ihm nie, was er machen sollte, und wir wussten nie, was er machen würde. Er liebte einige der Figuren, und er hasste andere. Levine wurde mit dem Blatt identifiziert, seine Haltung, seine Sicht der Dinge war so etwas wie eine Kolumne.


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